Heidrun Horn
Auch Erwachsene leiden unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom
Seit den 60er Jahren sind als Funktionsstörungen bei Kindern und Jugendlichen das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom
(ADS) und das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) bekannt. Beiden Syndromen typisch ist die
Aussage, dass die Betroffenen "nicht können, was und wie sie wollen". Das liegt daran, dass die Betroffenen, wenn
sie sich etwas vornehmen, sich ständig von neuen Dingen ablenken lassen, mit dem Ergebnis, dass sie nichts beenden
und ihnen zielorientiertes Handeln nicht gelingt. Doch kann das Gegenteil ebenfalls geschehen: Wenn sie eine Sache
besonders interessiert, können sie so sehr darauf fixiert sein, dass sie ihre Umwelt und alles andere um sich herum
vergessen, was u.U. sowohl für sie als auch für die Umwelt gefährliche Auswirkungen haben kann
(z.B. im Straßenverkehr oder bei der Bedienung von elektrischen Geräten usw.).
Gedanklich verlieren sie durch die Dinge, die ihnen sozusagen "dazwischenfunken", auch ihren "roten Faden".
Durch die der Störung eigene Wahrnehmungsverzerrung fühlen sich die Betroffenen leicht von ihrer Umwelt angegriffen
und oft missverstanden. Bei manchen Betroffenen führt dies dazu, dass sie sich lieber mit sich selbst beschäftigen,
wodurch sich ihre eingeengte, egozentrische Weltsicht verstärkt ebenso wie ihr "Ich bin anders"-Gefühl, unter dem
sie in früheren Jahren, als die Störung noch nicht bekannt war, z.T. lebenslang gelitten haben.
Wie sich daraus entnehmen lässt, wird ein Kind mit ADS/ADHS auch ein Erwachsener mit ADS bleiben, es verändert
sich allerdings das Störungsbild in seinen Auswirkungen, d.h., der Betroffene kann u.U. über viele Jahre je nach
Lebensführung und -umständen praktisch beschwerdefrei leben.
Auf den nachfolgenden Bericht über ADS und Partnerschaft einer erwachsenen "ADS'lerin", die entsprechende
Beratung und Training bei mir erhält, trifft letzteres noch nicht zu.

"Standig 'funkt' mir etwas dazwischen"
"Meine gelebte Sexualität könnte man als durchschnittlich bezeichnen, wenn es dazu eine gängige Definition gibt, ich
kenne keine und sie ist mir auch nicht wichtig. In den letzten 21 Jahren habe ich monogam gelebt und dabei auch
keine spektakulären sexuellen Begegnungen gehabt. Jetzt bin ich 42 Jahre alt, lebe seit 1 1 Jahren ohne Partner
und übe mich im Loslassen.
Im sexuellen Bereich hatte und habe ich die Schwierigkeit, mich mit allem darauf einzulassen und es zu genießen.
Ich tue mich da schwer mit mir selbst. Ständig 'funkt' mir was dazwischen und ich merke, dass dann das Empfinden
und die Stimmung weg ist. Ich muß nun nicht gerade an einen noch nicht verfassten Einkaufszettel denken, aber ein
Wort von ihm, das nicht ins Konzept passt, oder ein Anflug von Gleichförmigkeit, Gewohnheit der Berührungen, die
ich nicht so schön finde, was ich aber nicht sage, ein Geräusch von außen, und im selben Moment driften meine
Gedanken ab und ich bin ganz woanders, nur nicht mehr da, wo ich sein möchte, bei mir selbst und bei meinem Partner.
Die Schwierigkeiten, die daraus entstehen, liegen sozusagen auf dem Bett, ich bin nicht mehr bei der Sache,
die Stimmung ist beim Teufel oder sonst wo. Ich verstehe nicht, was mit mir passiert, denn ich will es ja und das
verstärkt den Gedankenkreis, der dann gänzlich als Spaßbremse wirkt.
Das hat bei mir inzwischen dazu geführt, dass ich mich vor Begegnungen häufig mit Gedanken beschäftige wie:
Heute abend könnten wir doch... und wie wird es dann ablaufen? So und so kann es passieren.... und diese Gedanken
tauchen dann immer wieder auf, so dass von vornherein Unlust herrscht und der "Cool - down" schon vorprogrammiert
ist, bevor etwas in dieser Richtung passiert. Fast unmerklich beginnt spätestens dann im Kopf ein Film abzulaufen,
dass das ja sowieso wieder nichts wird.
Enttäuschung und Verärgerung folgen.
Oder ich versuche, diesen Film abzuschalten, diese ablenkenden Gedanken und versuche mich darauf einzulassen,
in bester Absicht - vielleicht wird es ja doch noch was - aber letztendlich überwiegt dann doch das frustrierende
Erlebnis, es macht keinen Spaß mehr, ist langweilig und unbefriedigend.
Und immer wieder das Unverständnis darüber, warum das so ist bei mir, ich will es doch anders."
Auslöser bzw. Ursache der beschriebenen Symptome (Unkonzentriertheit, mangelnde Ausdauer und Langeweilegefühle) ist
bei den betroffenen Menschen eine generelle Überaktivität der Zellen im Gehirn (elektrisches Potential), verstärkt
durch Reizvielfalt und Reizüberflutung aus der Umwelt. Dies geschieht schon in der Kindheit, in der sich zwei
verschiedene Syndrom-Typen erkennen lassen: Die "Hyperaktiven" (ADHS), die "Zappelphilipp"-Verhalten zeigen und
die "Träumer" (ADS), die zwar unauffällig wirken, jedoch durch geistige Abwesenheit und Langsamkeit der Reaktionen
v.a. im Leistungsbereich beeinträchtigt sind.
Neben Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität (beim 2. Typ eher innerlich) leiden beide Typen unter
vielfältigen Ängsten, treten gern in jedes "Fettnäpfchen" und sagen oft direkt heraus, was sie meinen, unabhängig
davon, ob es situationsangemessen ist.
Von ADS betroffene Personen haben/machen nicht nur Schwierigkeiten, sondern sie besitzen eine Menge positiver
Eigenschaften. So verfügen sie z.B. oft - notwendigerweise? - über eine ausgeprägte Improvisationsfähigkeit, sind
nicht nur schnell zu begeistern, sondern haben auch viele kreative Ideen. Sie sind zwar oft störrisch und reagieren
erstmal mit Widerspruch, sind aber selten lange nachtragend/bösartig. Desweiteren verfügen ADS-ler häufig über
eine eher sonnige, heitere Grundstimmung.
Durch die Reizüberflutung, insbesondere durch die Medien, welche zukünftig noch mehr ansteigen wird, wird konsequenterweise
auch die Zahl der hyperaktiven Personen bzw. deren Verhaltensauffälligkeiten zunehmen.
Dies wiederum wird auch einen Anstieg der ADS- bzw. ADHS-Betroffenen zur Folge haben. [ wird fortgesetzt ]
© 2001-2002 by Dipl.-Psych. Heidrun Horn |
|